Sportgeschichte in Oberstdorf

Als den „ Karatsbichl“ – 1637 als „Conratsbühl“ erwähnt – bezeichnet man das sanfte Wiesengelände am Fuß des Höllenberges, der vom Söllereck talwärts zieht. In früherer Zeit bestand dieses Gebiet aus großen, von Bauernhand gepflegten Wiesen, umgeben von schmalen Waldsäumen. Es eignete sich deshalb später hervorragend zum Skifahren. Als der Skilauf zum allgemeinen Wintersport wurde, entstand Jahre vor dem Bau der Bergbahnen am Karatsbichl ein Skigelände. Seine Bekanntheit verdankt es ganz wesentlich den Gebrüdern Hermann * 1900 und Lise * 1902 Schedler. Diese waren schon früh begeisterte Anhänger des noch jungen Skisports und Mitglieder des Oberstdorfer Skivereins und Skiclubs. Während sich Lise in Slalom, Abfahrt und Sprunglauf hervortat, lag Hermann eher die Abfahrt und der Langlauf. Beide brachten unzählige Preise mit nach Hause, wovon noch eine Reihe Urkunden im Haus Karatsbichl Zeugnis ablegen.

Ihre ersten Skier fertigten sie noch selbst aus Eschenholz an, indem sie die Skispitzen im heißen Wasser des „Herdschiffchens“ aufbogen. Als Bindung dienten erst noch Hausschuhe, in welche man mit Halbschuhen einstieg. Keine Frage, wie oft man aus der Bindung fiel, was sich vor allem bei Skirennen nachteilig auswirkte! Es gab unter den Brüdern eine Empfehlung, einen Schuhlöffel mitzuführen. Schon 1922 bzw. 1924 hatten Hermann und Lise Schedler die Skilehrerprütung abgelegt und wenig später die Skischule Schedler am Karatsbichl gegründet. Das Abzeichen dazu entwarf Freund Willi Huber. Man lehrte Christiania und Telemark im eleganten Skianzug aus „Homespoon“- Tuch mit hellen Knickerbockers und roter Wollbluse. Persönlichkeiten, wie der damalige Kultusminister von Sachsen, Kaiser, mit Frau Alice und Tochter Lotte v. Seeberg oder die Schauspielerin Magda Schneider, die Fabrikantenfamilie Reemtsma und Graf Hubert von Neippberg aus Schwaigern / Heilbronn zählten zu Hermanns Skischülern. Seine wohl prominenteste Schülerin war die holländische Kronprinzessin Juliane, die 1930 mit Gefolge am Karatsbichl Skilaufen lernte. Geschichte Karatsbichl Mit dem Syndikus der Rheinischen Gaswerke, Dr. Karl Krüger aus Saarbrücken, kam Hermann ebenfalls 1930 das erste Mal (noch über den alten Saumweg) nach Saas Fee und befuhr dort von der Britanniahütte aus die Eisrinne nach Mattmark. 1931 war er mit Krüger in den aufstrebenden Schweizer Skiorten Arosa, Davos und Pontresina – Diavolezza.
Das große Vorbild der Gebrüder Schedler aber war der Arlberger Skipionier Hannes Schneider aus St. Anton. Fasziniert von den Fanck- Skifilmen mit Hannes Schneider, insbesondere vom „Wunder des Schneeschuhs“ (1920), traten sie den Weg zum Arlberg an. Er führte sie mit Skiern über Schrattenwang nach Mittelberg ins Kleine Walsertal, über den Hochalppaß nach Hochkrumbach, die Auenfelder nach Lech, Zürs und St. Anton. Selbstredend, daß es die Beiden auf dem Weg dorthin, dem Hannes Schneider gleichtaten und dessen waghalsigen Sprung über den Zürser Bach ausführten! 1928 waren die beiden auf Einladung Schneiders wiederum in St. Anton und fuhren dort ihren ersten Slalom. Lise konnte sich für das erste Arlberg- Kandaharrennen qualifizieren, welches am 5. März 1928 als Slalomrennen durchgeführt wurde. Schneider hätte die schwarzhaarigen Schedler-Buben gerne bei sich in St. Anton als Skilehrer behalten, doch diese träumten von einem Skidorf, das sie nach dem Vorbild von Zürs zu Hause gründen wollten. Anfang der 30er Jahre wäre der Plan beinahe Wirklichkeit geworden und zwar in den Mösern von Warmatsgund auf 1520m Höhe. 14 Teilhaber hatten den Kaufpreis von RM 65.000,– bereits ausgehandelt, die Verbriefung stand unmittelbar bevor, als die Alpe Warmatsgund „Nationalsozialistischen Zwecken“ zugeführt werden musste. Die Ordensburg kaufte das Areal 1936 von den Wittelsbachern. Heute steht an dieser Stelle das Naturfreundehaus Kanzelwand.
Wenn der Name Karatsbichl fällt, geht vielen Oberstdorfern das Herz auf. Zu viele schöne Erinnerungen sind mit dem Skilauf und diesem Ort verbunden. Gerne erzählt die ältere Generation noch von dem „Louping“, den die Schedler- Brüder über eine kleine Schanze vollführten. Der alte Schedler-Vater Karl, von Beruf Landwirt und Pfarrmesner, amüsierte sich an den Skikünsten seiner jüngsten Söhne. Dieser Mann, dem die Oberstdorfer eine Aufzeichnung der alten Hausnamen verdanken, war sehr belesen und aufgeschlossen. Er übte sich nicht nur in Esperanto, sondern fuhr auch als einer der Ersten in Oberstdorf mit dem Hochrad. Er war denn auch bereit, auf seinem Grundstück am Karatsbichl ein kleines „Gasthäusel“ erbauen zu lassen. So entstand im Jahr 1927 nach einem Plan von Zimmermeister Hans Hahneberg die Skihütte Karatsbichl und zwar in Eigenarbeit der Brüder Karl, Ernst, Hermann und Lise Schedler, zusammen mit ihrem Freund Anton Jäger (Geagl).Geschichte Karatsbichl Wilhelm Math schnitzte das originelle Türschild, die Lampen und Garderoben und für den Eingang zur Wirtsstube ein Prachtstück von einem Gemskopf. Zuerst bewirteten die Geschwister Schedler (Hermann und Lise und Agathle) die kleine Gaststätte. 1931 übernahm Hermann Schedler mit seiner jungen Frau Hannele (geb. Blattner) das Haus, dem noch eine kleine Landwirtschaft angeschlossen wurde. „Es war eine unbeschwerte, fröhliche Zeit mit Musik und Gesang der Geschwister Schedler und ohne die Pressiererei von heute“, erinnert sich das inzwischen 92-jährige Hannnele.
Im selben Jahr erlebte die Skihütte ihre erste Erweiterung nach einem Plan von Architekt Willi Huber. Zur Wiedereröffnung präsentierte dieser eine Tuschezeichnung mit dem Titel: „Aktiver Widerstand“. Es zeigt Mahatma Gandhi beim Stockreiten. Dies geschah nicht nur aus aktuellem politischem Grund, sondern schon eher im Hinblick auf die anfangs durch die Oberstdorfer Hoteliers verhinderte Sommerkonzession für den Karatsbichl. 1932 schloß sich die Skischule Schedler mit der Skischule Brutscher – Müller – Merz und anderen Skilehrern zur ersten Oberstdorfer Skischule zusammen. Diese Skischule besteht heute noch und wird derzeit von Hermanns Enkelin Claudia Joas geleitet. Einen schmerzlichen Einbruch brachte der 2. Weltkrieg. Hermann, der schon als 17-jähriger als Cheveaulanger eingezogen war, wurde 1939 zum Polenfeldzug einberufen. Auch die folgende Zeit bis zum Kriegsende verbrachte er als Soldat auf dem Hohen Balkan, während seine Frau mit 3 kleinen Kindern auf sich selbst gestellt war und mit einigen Getreuen die Gasstätte betrieb. Das Angebot reichte vom Kakaoschalentee über Sauerkraut mit Erdäpfeln zu Kuchen aus Schwarzmehl und Zuckerrübensaft als Zuckerersatz. Schließlich kam die Wirtschaft ganz zum Erliegen und der Karatsbichl musste geschlossen werden. Geschichte KaratsbichlNach dem Krieg galt es, wieder neu anzufangen. Das Skigelände wurde erweitert. 1949/50 bauten die Gebrüder Schedler unter Leitung von Ingenieur Carry Groß den ersten Skischlepplift von Oberstdorf am Karatsbichl, welcher nach dem 2. Bauabschnitt bis zur Höhe Bergkristall führte. Für Groß bedeutete dies eine Herausforderung, war es doch die erste technische Aufstiegshilfe dieser Art, die er konstruieren musste (die Sesselbahn zum Schönblick war sein 2. Auftrag).
Man betrat hier in vieler Hinsicht Neuland: Die Liftstützen waren noch Holzkonstruktionen, die technische Ausstattung fertigte die Firma ABIG von Oberstdorf, das 1. Drahtseil, noch Kriegsware und nach einem Winter schon schadhaft, wurde mit Pferdekraft aufgezogen. Und es gab keine Zufahrt, die Kundschaft kam mit den Skiern auf dem Buckel. Der Nachholbedarf im Skilauf und Skiunterricht war zu dieser Zeit enorm. Es waren nicht selten 10 bis 12 Skikursgruppen mit ca. 20 Personen im Gelände. Kam dann noch ein Torlauf, ein Standardlauf oder eine Skimeisterschaft dazu, war der Karatsbichl nahezu überfüllt. Dazu trugen auch die vielen Oberstdorfer Kinder bei, die sich hier mit Ski und Rodel vergnügten. Die Piste war daher stets glatt wie ein Brett. Auch die Oberstdorfer Schulen, zuerst mit Rektor Henkel und später mit Walter (Muli) Müller waren vertreten. Die Sprunglaufgrößen Toni Brutscher und Max Bolkart übten hier, wie auch der Slalomspezialist Willi (Gummi) Klein oder Franz Vogler, um nur ein paar zu nennen. Große Tage erlebte der Karatsbichl mit folgenden Meisterschaften, deren Torlauf jeweils hier stattfand: Es waren dies zwei Allgäuer Alpine Skimeisterschaften:
1946 mit den Siegern Annemarie Fischer / Garmisch, Robert Wipfelder / Partenkirchen und Sepp Behr als Jugendbester und 1962 mit Maxi Brutscher / Kleinwalsertal und Alfred Plangger / Jungholz. 1954 fand der Torlauf des Internationalen Nebelhorn- FIS- Rennens bei Regen vor 1000 Zuschauern statt. Evi Lanig / Hindelang und Beni Obermüller / Rottach-Egern waren die Gewinner. Zwei Deutsche Alpine Skimeisterschaften sind zu verzeichnen: 1949 mit Mirl Buchner / Garmisch, Hildesuse Gärtner / Feldberg und Walter Clausinger / Partenkirchen als Sieger. Die Olympiasiegerin der Vorkriegszeit, Christl Cranz – Borchers, nahm als Gast an der Veranstaltung teil. 1956 fand der Wettkampf an einem strahlenden Tag vor 3000 Zuschauern statt. Bestzeit fuhren Ossi Reichert und Sepp Behr, beide Sonthofen. 1958, anlässlich der Allgäuer Alpinen Jugendskimeisterschaft, gewannen Heidi Biebl / Oberstaufen und Sepp Berkmann / Aach den Torlauf am Karatsbichl.

Betritt man jedoch das Gasthaus, kann man feststellen, daß der Karatsbichl noch nichts von seinem Flair eingebüßt hat. Obwohl, in den 60-er Jahren noch einmal erweitert, ist die Urzelle, die Stube mit dem gemütlichen Kachelofen, das Kernstück des Hauses geblieben. Erinnerungen an frühere Tage werden wieder wach. Die alte Wirtsstube atmet spürbar die Fröhlichkeit schöner Stunden aus. Die Skilehrer vom Karatsbichl der ersten Zeit: Toni Merz, Sepp Müller (Lixar), Willi Brutscher (Brutscharbeck), Philipp Haneberg, Hermann und Lise Schedler, August Seeweg, Alois Braxmair, Anton Jäger (Geagl), Willi Menz, Ludwig Waibel und Lise Weitenauer scheinen im Geist aus ihren Bildern zu treten und sind mitten unter uns. Ja, man vermeint sogar das alte Skischullied noch zu hören, wo es hieß:

Wir sind die Oberstdorfer Skischul, hallo, Ham a Schneid und fahrn die Klasse zwo Hei, so gehn wir, hei, so stehn wir, Servus, meine Herrn, mit Schwartling und Latern.
Uns ist kein Berg zu hoch, uns ist kein Hang zu steil, Wir fallen alleweil beim Schwung, Ski Heil!

Nein, der Karatsbichl hält keineswegs Dornröschenschlaf! Noch immer wird er von Menschen, die das Traditionelle lieben, gerne besucht. Seit 1976 führt Schedler-Tochter Marie Luise mit ihrer Familie das Haus. Sie serviert ihren Gästen nach wie vor den Kaiserschmarren so, wie ihn einst Erzherzog Friederich von Österreich hier gerne gegessen hat.
Marie Luise Althaus

Ich danke den Herren Claus P. Horle und Hans Schmid vom Skiclub Oberstdorf, Dr. Thomas Gayda / Kleinwalsertal, Sepp Behr / Sontofen und Hans Seeweg jun. die mir bei der Abfassung des Berichtes wertvolle Hilfe geleistet haben.